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28.05.2020 - Wie riecht Arosa? Warum sind die Dächer flach? Wer ist die halbnackte Frau auf dem Werbeplakat? Wer verhalf Arosa zu Weltruhm? 28 Autorinnen und Autoren beschreiben im Buch «Arosa in 100 Geschichten» in Reportagen, Interviews, Infografiken und historischen Abrissen auf lehrreiche, unterhaltsame Art die Geschichte und Gegenwart des Ortes, seine Menschen, Wirtschaft und Politik, Natur und Kultur.

Der Herausgeber Peter Röthlisberger hat verschiedene Geschichten aus diesem Buch für den Swiss O Week-Newsletter aufbereitet, so dass sie einem breiten Publikum präsentiert werden können. An dieser Stelle nun die erste Geschichte.

365 Kurven Leid

Welch magnetischer Reiz von Arosa ausgeht, zeigt sich alleine schon daran, dass Menschen überhaupt dorthin reisen.

Die Fahrt nach Arosa mit dem Auto ist die reinste Qual. 30 Kilometer und 1320 Meter Höhendifferenz liegen zwischen Chur und dem idyllischen Dorf. Keine himalayischen Verhältnisse und als nüchterne Zahlen nicht weiter spektakulär. Aber nur, weil sie nichts über den Verlauf der Schanfiggerstrasse verraten. Denn diese führt nicht nach Arosa, sie schlängelt sich hoch. Eine erbarmungslose Anaconda, die ihren Körper biegt und beugt. Bereits in der allerersten Kurve windet sie sich um 180 Grad – ein sadistischer Weckruf an den Magen. Den empfindlichen Mitfahrern bleibt nichts anderes übrig, als das erste Mal den Fensteröffner zu betätigen. Bloss ein kleiner Spalt, denn die Luft draussen ist eisig kalt.

Beim Steinbruch vor Maladers wird die aufsteigende Übelkeit für einen Moment vom Adrenalin verdrängt, weil in der Doppelkurve ein Einheimischer so knapp überholt hat, dass das Gehirn Stresshormone ausschüttet. Es folgt der erneute Griff zum Fensteröffner. Während der winterliche Luftzug die rechte Gesichtshälfte einfriert, reiht sich Kurve an Kurve. Streckt sich die Riesenschlange für ein paar Meter einmal aus, gelingt es sogar, die spektakuläre Landschaft zu geniessen. Doch dann kommt schon die nächste Kurve. Und der Magen rebelliert. Man tröstet sich mit dem Gedanken, bestimmt schon viel mehr als die Hälfte des Weges hinter sich zu haben. Um dann das Haus des Korbflechters zwischen Castiel und St. Peter zu entdecken und zu wissen, dass noch nicht einmal die Hälfte geschafft ist. Man passiert notfallmässig parkierte Autos und muss nicht einmal hinsehen, um zu wissen, welche immer gleiche Szene sich da abspielt: Ein Elternteil streicht tröstend über die Haare eines Kindes, das sich gerade am Strassenrand übergibt. Kurve 195 war zu viel für den kleinen Magen.

365 sollen es insgesamt ja angeblich sein. Für jeden Tag des Jahres eine. In Wirklichkeit sind es aber nur 250. Doch anstatt die Zahl nach unten zu beschönigen, kam jemand auf die Idee, 100 Kurven draufzuschlagen. Vor dem geistigen Auge tauchen Gian und Giachen auf, die herzhaft lachen über diesen Witz auf Kosten der Unterländer. Dann endlich Litzirüti. Freude mischt sich mit Unbehagen. Denn das letzte Stück ist das härteste. Die Schanfiggerstrasse mäandert hoch wie eine veritable Passstrasse. Haarnadelkurve reiht sich an Haarnadelkurve. Die Anaconda nimmt den Magen noch einmal in ihren Würgegriff, und dann steht es da, das Ortsschild mit den fünf erlösenden Buchstaben: Arosa. Und man ist nur noch glücklich.

Verfasserin: Barbara Lienhard

 Youtube-Video Cover Arosa low Münster-Verlag

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